Liturgie im Leben

Amen [23]

„Der Vorsteher spricht mit aller Kraft Gebete und Danksagungen, und das Volk stimmt ein, indem es ‚Amen‘ sagt.“ Dieses „Amen“ ist dem frühchristlichen Philosophen und Märtyrer Justin (gestorben 165 in Rom) so wichtig, dass er es in seinen Beschreibungen der Eucharistiefeier ausdrücklich erwähnt und betont. „Wir brauchen allerdings eine Gemeinde, die sich ihrer priesterlichen Würde so bewusst ist, dass ihr die Zustimmung zum Hochgebet etwas bedeutet und dass sie in ihrem ganzen kraftvollen Wollen dahinter steht, wenn sie ihr ‚Amen‘ sagt“, kommentiert der Liturgiewissenschaftler Joseph Pascher (1893-1979) diese Beobachtung in seiner 1947 erschienenen Schrift zur Eucharistie, also noch vor der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils. Doch hat das Amen auch durch diese Reform seine bestätigende Kraft bisher nicht wiedererlangen können. Es „donnert“ längst nicht mehr so, wie der Kirchenvater Hieronymus (347-420) es einst in den römischen Basiliken hören konnte.

Das Amen ist ursprünglich eine hebräische Bestätigungsformel, mit der das Volk seine Zustimmung gibt zum Lobpreis, den ein Vorbeter spricht: Was hier gesagt wurde, das gilt auch für mich. Es verpflichtet mich, ich stehe dazu. Auch in der christlichen Liturgie ist das Amen eine Akklamation, ein „Zu-Ruf“, und es ist ebenso widersinnig, wenn der Vorbeter selbst es spricht, wie es wiedersinnig ist, wenn es von einem allein Betenden gesprochen wird. Das Amen muss nicht jedem Gebet hinzugefügt werden, an zwei Stellen aber darf es nicht zu überhören sein: wenn die versammelte Gemeinde das eucharistische Hochgebet besiegelt und wenn der einzelne Gläubige bei der Kommunion den Leib des Herrn empfängt. Denn mit dem Amen steht die ganze Gemeinde und steht jeder einzelne Gläubige ein für den Glauben an den auferstandenen Herrn Jesus Christus. Er „ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat. Darum rufen wir durch ihn zu Gottes Lobpreis auch das Amen“ (2 Kor 1,20).

© Andrea Pichlmeier


Vor dir zu stehen [22]

„Das sagen Sie doch von sich, Herr Pfarrer, nicht wahr? Uns können Sie doch nicht meinen, denn wir knien an dieser Stelle des Hochgebets!“ Es ist ein Pfarrer, dem die Kluft aufgefallen ist zwischen Wort und Gemeinde, wenn er im Zweiten Eucharistischen Hochgebet spricht: „Wir danken dir, dass du uns berufen hast, vor dir zu stehen und dir zu dienen.“

Während in den orientalischen Kirchen bis heute die Diakone die Gemeinde beim Hochgebet zum gemeinsam ehrfürchtigen Stehen auffordern, beschränkte sich in der abendländischen Kirche das Stehen zunehmend auf den Altardienst. Die Gläubigen, die in der Heiligen Messe ihre Privatgebete verrichteten, taten dies in knieender Haltung, wie es beim persönlichen Beten üblich war. Die Einführung eines festen Kirchengestühls mit Kniebänken in der Barockzeit unterstützte diesen Brauch. Ursprünglich jedoch zogen die Christen bei der gottesdienstlichen Versammlung das Stehen vor, besonders bei der Eucharistie. An den Sonntagen und in den fünfzig österlichen Tagen war das Knien nach altem Brauch geradezu verboten, denn die Christen wussten sich durch Jesus Christus befreit aus der Knechtschaft der Sünde und des Todes. Seine Auferstehung hatte sie aufgerichtet, Söhne und Töchter waren sie, nicht mehr Sklaven (vgl. Gal 4,7 und 5,1).

Das Stehen ist die den Menschen auszeichnende Körperhaltung. „Der auf seinen Beinen aufrecht stehende Mensch durchkreuzt den Horizont“, schreibt der Leiter des Freisinger Diözesanmuseums, Peter B. Steiner, anlässlich der Ausstellung „Kreuz und Kruzifix“. Das Kreuz ist also in den stehenden Leib eingezeichnet, ebenso wie die Auferstehung. Wer steht, streckt sich aus nach dem Himmel. Wer steht, schläft nicht, sondern kann jederzeit aufbrechen und dem Herrn entgegengehen. Die Kirche legt wert darauf, dass die versammelte Gemeinde ihr priesterliches Amt sichtbar auch in ihren Gebärden ausübt und bei den großen Gebeten gemeinsam vor Gott steht. Und Sonntag für Sonntag dankt sie dafür, dass es ihre Berufung ist, vor Gott zu stehen und ihm zu dienen.

© Andrea Pichlmeier


Das Allgemeine Gebet [21]

Es war der 7. Oktober 1989, der vierzigste Jahrestag der DDR. In einem staatlichen Bericht ist zu lesen, was in einer Leipziger Kirche geschah: Sieben Kerzen wurden angezündet, jedes Licht ein Gebet: „1. Kerze: Fürbitte für die Sicherheitsorgane. 2. Kerze: Fürbitte für die Inhaftierten. 3. Kerze: Fürbitte für die Umwelt, damit nicht alles abstirbt. 4. Kerze: Fürbitte für die jungen Soldaten und Volkspolizei-Kräfte, damit sie nicht wirksam werden müssen, denn sie erleiden auch Qualen – innere und äußere. 5. Kerze: Fürbitte, dass die Schützenpanzerwagen am Montag nicht zum Einsatz kommen müssen. 6. Kerze: Fürbitte für die Genossen oben, damit ihnen endlich ein Licht aufgeht. 7. Kerze: Fürbitte für einen Dialog, denn viele kritische Situationen haben wir schon gemeinsam überstanden.“ Der damalige Leipziger katholische Studentenpfarrer und spätere Philosophieprofessor an der Theologischen Fakultät Erfurt, Eberhard Tiefensee, misst rückblickend dem Gebet eine gesellschaftsverändernde Kraft zu. Es habe Mauern überwunden.

Das Beten gehört zum allgemeinen Priestertum aller Getauften. Bereits in den neutestamentlichen Schriften wird deutlich, dass es den Christen in ihrem Beten und Handeln nicht nur um sich selber geht, sondern dass sie berufen sind, einzutreten für Welt und Menschen. Kirche hat offene Fenster. Nicht nur, damit der Geist Einlass findet, der immer von anderswoher kommt, sondern auch, damit Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute an das Herz der Jünger und Jüngerinnen Jesu Christi rühren können.

Das Allgemeine oder Gläubigengebet findet sich bereits in der alten römischen Liturgie und hat sich in seiner ursprünglichen Form am Karfreitag bis heute erhalten. Als die römische Liturgie in der Karolinger Zeit nördlich der Alpen übernommen wurde, hatte sie dieses fürbittende Gebet bereits verloren. Es bildeten sich verschiedenen Ersatzformen heraus. Das Fürbittgebet selbst ist als eine Frucht der liturgischen Bewegung im 20. Jahrhundert wiedererstanden und hat mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil seinen festen Platz in der Messfeier erhalten. Nicht, um auf Gott einzuwirken, aber um Gottes gesellschafts- und weltverändernde Kraft sichtbar zu machen.

© Andrea Pichlmeier


Das Kreuzzeichen [20]

Ein flüchtiger Kuss auf die Fingerkuppen und eine fahrige Geste von der Stirn zur Brust zur linken zur rechten Schulter – oft kann man dies in den Sportarenen der Welt sehen, wo sich Spieler vor allem aus den katholischen Ländern des Südens vor der entscheidenden Herausforderung und unter den Blicken des Publikums bekreuzigen. Das Kreuzzeichen (lat. signaculum) ist die spezifisch christliche Form, sich selbst und andere zu segnen (von lat. signare) und damit unter die Lebensmacht Gottes zu stellen. Es ist ein alter Brauch, Eigentum mit einem Zeichen zu versehen. Nicht nur Gegenstände, nicht nur Tiere: In der Antike wurden Sklaven mit dem Zeichen ihres Herrn auf der Stirn tätowiert. Diese Praxis reichte bis in die Vernichtungslager des 20. Jahrhunderts hinein. Auch die biblische Tradition kennt die Besiegelung mit einem Zeichen, doch werden die im Namen Gottes Bezeichneten vor der Vernichtung bewahrt (vgl. Ez 9,4-6 und ähnlich Offb 7,1-8). Jesaja kehrt dieses Bild sogar noch um: Gott zeichnet Israel in seine Hand und macht sich damit zum Sklaven und Eigentum seines Volkes (vgl. Jes 49,16).

Auch das Zeichen Jesu ist ein Zeichen völliger Übereignung, „für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber … Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1 Kor 1,23f). Die Besiegelung mit dem Kreuzzeichen gehört schon früh zur Einführungszeremonie für Taufbewerber, die auch von den Eltern und Paten vollzogen wird. Der Täufling bekennt sich zu Jesus Christus und vertraut auf seine Rettung in diesem Zeichen, in dem der Name Gottes aufleuchtet: Ich für euch. Das Kreuzeichen ist ein Grundgestus des Christen und Zeichen der Ökumene, in der Liturgie wie in der privaten Frömmigkeit: Auch Martin Luther empfiehlt die Selbstbekreuzigung beim Erwachen in der Frühe und beim Schlafengehen am Abend. Denn das Kreuz steht an der Schwelle zur Nacht, es steht aber auch im Licht des Ostermorgens.

© Andrea Pichlmeier


Es ist immer noch Ostern! [19]

Schweigend traten sie in den kühlen Morgen hinaus. Der Schlaf stand ihnen noch ins Gesicht geschrieben, als sie sich dem knisternden Feuer näherten, das bereits hoch aufloderte. In ihren Augen der Widerschein der züngelnden Flammen. Geblendet senkten sie den Blick. Sie dachten nicht an das Wort, aber sie fühlten es: „Komm nicht näher heran! Der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“ (Ex 3,5). Vorsichtig streckten sie die Kerze mit den fünf Wundmalen in das heiße Licht, dann zogen sie hinter ihr her in die Kirche hinein und entzündeten ihre kleinen Lichter an der einen Flamme: Lumen Christi! Deo gratias!

„Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten: auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder“ (Apg 2,13). Zahllose Künstler haben sie dargestellt: die Apostel und Maria (die übrigen Frauen wurden meist weggelassen), mit tanzenden Flämmchen über den Häuptern. Göttliches Feuer, auf menschliches Maß gebracht? Oder Gegenwart Gottes in allen, die vom Geist erfüllt sind: jede und jeder von ihnen ein brennender Dornbusch?

Nach dem Zeugnis des Johannes-Evangeliums, das am Pfingsttag verkündet wird, empfangen die Jünger den Heiligen Geist noch am selben Tag, an dem der Herr auferstanden ist, am Ostertag (vgl. Joh 20,22). Die Apostelgeschichte verbindet die Geistausgießung mit dem jüdischen Wochenfest, das sieben Wochen nach dem Paschafest gefeiert wird. Israel dankt für die Weizenernte und für die Gabe des Lebenswortes am Sinai. Die Alte Kirche hat Pfingsten (von griechisch pentekoste, der fünfzigste Tag) immer verstanden als die große Oktav von Ostern, die sieben Wochen lang gefeiert wurde wie ein einziger Tag. Denn die Gabe des Geistes ist ein österliches Geschehen. Es ist derselbe Geist, der Jesus auferweckt hat, göttliches Leben, ausgegossen über menschliches Fleisch (vgl. Joel 3,1). Auch wenn „die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt“ (Röm 8,22), wie es die Kirche am Vorabend des Pfingstfestes mit Paulus bekennt – der Ostertag ist angebrochen und endet nicht.

© Andrea Pichlmeier


Einheit [18]

Ihr ganzer Irrglaube habe darin bestanden, schreibt Plinius der Jüngere an den römischen Kaiser Trajan, „dass sie sich an einem bestimmten Tag vor Sonnenaufgang zu versammeln pflegten, um Christus wie einem Gott Lieder zu singen“. Das entscheidende Merkmal der Christen am Anfang des zweiten Jahrhunderts war es also, dass sie zusammenkamen. Und entscheidend ist es für die Christen auch am Anfang des 21. Jahrhunderts geblieben, dass sie zusammenkommen, um einander vor Gott nicht aus den Augen zu verlieren. Am siebten Ostersonntag, dem Sonntag vor Pfingsten, schlägt die Liturgie jedes Jahr das 17. Kapitel des Johannes-Evangeliums auf, das große Abschiedsgebet, in dem Jesus für seine Jünger und für alle, die durch sie zum Glauben kommen, bittet, „dass alle eins sind“ (Joh 17,21). Nach der Himmelfahrt Jesu, schreibt die Apostelgeschichte, bleiben sie beieinander, Männer und Frauen, „ausharrend einmütig im Gebet“. Und als der Pfingsttag kam, befanden sie sich alle am gleichen Ort. Man empfängt den Geist nicht privat, sondern inmitten der Gemeinde. Längst nicht mehr können die Christen sich am gleichen Ort versammeln. Verstreut über die ganze Welt singen sie Gott ihre Lieder. Doch das Hochgebet der Messe ruft ihnen die Einheit ins Gedächtnis. An allen Orten verbindet dieses große Gebet die Anwesenden mit ihrem Bischof und mit allen Hirten, mit allen Getauften und Gefirmten, mit den Heiligen aller Zeiten und mit den Verstorbenen, die sie selber gekannt haben und loslassen mussten in die größere Gemeinschaft mit Gott hinein. Jeder Mensch wird in jeder Eucharistiefeier vor Gott zur Sprache gebracht. Und wenn die Christen ihre Häuser verlassen und sich an einem Ort versammeln, dann hat der Gottesdienst bereits begonnen, denn ihr Gottesdienst ist Versammlung zum Lobe Gottes.

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Halleluja [17]

„Wenn von den Seligen des Himmels gesagt wird, dass sie singen, soll das einfach ein Bild dafür sein, dass ihr ganzes Wesen von Freude durchdrungen ist“, schrieb 1959 der damalige Theologieprofessor Joseph Ratzinger und heutige emeritierte Papst Benedikt XVI. zum Geheimnis der Osternacht. Das dritte österliche Element neben Licht und Wasser ist „das neue Lied“, das Halleluja. Singend überschreitet der Mensch die Grenzen des bloß Vernünftigen, denn das Vernünftige ließe sich einfach sagen. Im Singen aber gerät der Mensch in eine Art Ekstase und gibt sich dem Grund seiner Freude hin. Das Halleluja ist das Lied, in dem die Freude sich aussingt ohne Worte und ohne Silben, ungegliedert.

Weil die fünfzig Tage zwischen Ostern und Pfingsten in der Alten Kirche wie ein einziger Festtag begangen wurden, haben Christen das Halleluja auch außerhalb des Gottesdienstes gesungen. Sie haben sich hineingesungen in den Schlussvokal, das „a“, das zum Träger wurde für den Jubel, der sich in ihrer Kehle formen wollte. Augustinus konnte es sogar die Arbeiter auf den Feldern und in den Weinbergen singen hören. „Wem gebührt solcher Jubilus mehr als dem, der unsagbar ist?“ schreibt er dazu. Wenn du ihn aber nicht sagen kannst und doch nimmer von ihm schweigen darfst, was bleibt dir da, als zu jubilieren?“

Nichts anderes hat das ursprüngliche Halleluja getan, das uns in der Bibel Jesu, im Alten Testament begegnet: „Hallelu-jah“ – lobt, preist JHWH! Singt ihm, dessen Namen ihr nicht sagen könnt, weil sein Name euch näher ist als eure Zunge, näher auch als euer Herz, das jubelt, weil er da ist. Deshalb grüßen die Christen aller Konfessionen den Auferstandenen zur Verkündigung des Evangeliums mit dem Halleluja. Nur in den Tagen der Fastenzeit lässt der römische Ritus das Halleluja verstummen, damit es in der Osternacht umso machtvoller erklingen kann. Es ist der Vorgeschmack auf das neue Leid, das wir singen werden, wenn „unser ganzes Wesen einmal eine einzige große Freude sein wird“ (Ratzinger). Wozu sonst hätte der Schöpfer uns mit Gesang begabt?

© Andrea Pichlmeier


Taufbrunnen [16]

Umtost von hupenden Autos, knatternden Mopeds, bedrängt von Touristenscharen und wortreich beschrieben in allen Sprachen der Welt steht gegenüber dem Westportal des mächtigen Florenzer Doms das Baptisterium San Giovanni, die frühere Taufkirche der Stadt. Wie alle Taufkirchen ist der achteckige Bau Johannes dem Täufer geweiht. In Florenz entdecken die Besucher den biblischen Umkehrprediger im Kuppelmosaik, mit zerzaustem Haar und eindringlichem Blick. Vom Jordan zu den vielgestaltigen Taufbrunnen der christlichen Kirchen ist es ein langer Weg. Es beginnt damit, dass der Himmel sich öffnet über dem Einen, von dem es später heißen wird, „Gott wollte mir seiner ganzen Fülle in ihm wohnen“ (Kol 1,19). Es beginnt mit dem Tag, an dem Jesus sich unter die Menschen reiht, irgendwo draußen am Fluss.

Auch in der frühen Kirche wurde noch an natürlichen Wasserstellen getauft. „Hier ist Wasser“, sagte der Hofbeamte der äthiopischen Königin in der Apostelgeschichte (8,36), unterwegs zu Philippus, „was steht meiner Taufe noch im Weg?“ Im dritten Jahrhundert beginnt man, eigene Taufräume, Baptisterien, zu errichten, später oft in achteckiger Gestalt. Wer eintritt und sich taufen lässt auf den Namen Jesu, taucht mit ihm ein in das menschliche Geschick: Wasser des Todes, Untergang. Und: Wer sich taufen lässt auf den Namen Jesu, wird herausgezogen, gepackt von der Hand des Auferstandenen und dem Tod entrissen, wie man es auf ostkirchlichen Darstellungen sehen kann. Wer sich taufen lässt, tritt ein in den ersten Tag der Woche, den Ostertag und achten Tag, an dem das neue und unzerstörbare Leben beginnt.

Auch wenn heute Erwachsene wie Kinder in aller Regel nicht mehr untergetaucht, sondern mit Wasser übergossen werden: Der Tag der Taufe ist der Sonntag geblieben, der Tag, an dem die christliche Gemeinde die Auferstehung ihres Herrn feiert. Und viele Taufbrunnen sind in die Mitte ihrer Kirchen gerückt, damit alle sehen können, wie Gott seine Menschen rettet.

© Andrea Pichlmeier


Der Gute Hirt [15]

Staunend hat das Auge sich in die leuchtende Fülle der Bilder hineingetastet, ist Propheten, Engeln und Heiligen, ist dem Auferstandenen selbst begegnet. Es hat sich einstimmen lassen in den Gesang der Ornamente und Symbole und ist zuletzt doch immer wieder zu der einen Stelle zurückgekehrt, zu diesem unscheinbaren Detail, von dem aller Trost auszugehen scheint und zu dem alle Sehnsucht hinströmt: die Hand des Hirten, in die ein Schäflein vertrauensvoll seine Wange legt. Das Mosaik an der rechten Wand des Presbyteriums in der Kirche San Vitale von Ravenna zeigt Mose, wie er die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro weidet (vgl. Ex 3,1). In seiner liebevollen Geste kommt die ganze Hirtensorge des biblischen Gottes zum Ausdruck und ein inniges Vertrauen.

Jedes Jahr wird das Wort vom guten Hirten aus dem zehnten Kapitel des Johannes-Evangeliums verkündet. Darin klingen die mächtigen Hirtenworte des Propheten Ezechiel nach, in denen die falschen Hirten entlarvt und abgesetzt werden, die Hand und Herz für ihre Herde verloren haben. An ihre Stelle tritt JHWH selbst (vgl. Ez 34,11 ff.). Er ist ein Hirte, der seine Schafe auf gute Weide führt und für sie sorgt, „wie es recht ist“. Er ist ein Gott, der den Menschen das Leben gönnt und ihnen eben darin gerecht wird.

„Ich bin der gute Hirt“, sagt Jesus, und wenn man dieses Evangelium griechisch liest, fällt auf, dass hier statt agathos (gut) das Wort kalos (schön) verwendet wird. Dieses Wort besagt nichts wesentlich anderes, aber es wendet sich an das Auge: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“, sagt Jesus an anderer Stelle zu einem seiner Jünger (vgl. Joh 14,9). Wer Jesus anschaut, wer sieht, wie er mit den Menschen umgeht, rettend und heilend, der sich den unsichtbaren Gott, JHWH, den Hirten seines Volkes, dessen Name bedeutet: Ich lasse nicht im Stich. Jesus übersetzt diesen Namen mit seinem ganzen Leben bis zum Kreuz. Denn das unterscheidet den guten Hirten: dass er sein Leben gibt für die Schafe. Die österliche Gemeinde empfängt aus der Hand dieses Hirten Brot und Wein: sein Leben, ein Leben in Fülle.

© Andrea Pichlmeier


Symbolik der Osterkerze [14]

Klein und etwas vergilbt stand sie in der Reihe der hoch aufragenden Kommunionkerzen, und es zierten sie nicht Kelch und Hostie, sondern eine elfenbeinfarbene Heiliggeisttaube mit roten Füßen über goldenen Wellenlinien. Sie war eine Taufkerze und am Tag dieser Erstkommunion bereits sieben Jahre alt. So erinnerte sie an den Weg von der Taufe zur Eucharistie und erzählte von dem Brauch der Alten Kirche, nach dem die Neugetauften mit brennenden Kerzen in Händen in die Versammlung der Gemeinde einzogen, um die österliche Eucharistie zu feiern. Als Taufkerze hatte auch sie ihr Licht einst von der Osterkerze empfangen, wie es das Taufritual vorsieht. Die Osterkerze aber war in der Osternacht am Osterfeuer entzündet worden, und die Gläubigen waren hinter ihr her in die Kirche eingezogen, wie einst das Gottesvolk hinter der Feuersäule her in die Freiheit zog. Bei der Weihe des Taufwassers wurde sie eingetaucht, das Licht in die Flut. Aber das Licht verlöschte nicht. Der Tod hat keine Macht mehr über das Leben. Darum brennt die Osterkerze fünfzig Tage lang bei allen Gottesdiensten, bevor sie ihren Platz am Taufbrunnen einnimmt. Und wenn ein Mensch in das Dunkel des Todes geht, dann steht sie neben seinem Sarg. Dem verstorbenen Wiener Kardinal Franz König war dies so wichtig, dass er es eigens in seinem Testament festhielt: „Vergesst mir an meinem Sarg die Osterkerze nicht.“ Dort brennt sie jetzt, ein österliches Lichtwort für alle, die mit ihren Taufkerzen Christus nachfolgen. Ihm, der sich im Johannes-Evangelium zu erkennen gibt als das Licht der Welt. (vgl. Joh 8,12).

© Andrea Pichlmeier


Das weiße Kleid [13]

Einen Sommer lang gingen die Mädchen Sonntag für Sonntag in weißen Kleidern zur Kirche. Das schlichte Erstkommunionkleid, bar jeglichen überflüssigen Zierrats, diente uns als Sonntagsgewand. Das war im Jahr 1970. In der Kirche der ersten Jahrhunderte galt die Osteroktav, also die Woche vom Ostersonntag bis zum darauffolgenden Sonntag, als Woche in albis, „in weißen Kleidern“. Acht Tage lang trugen die Männer und Frauen, die in der Osternacht getauft worden waren, ihre weißen Taufkleider. Acht Tage lang stellten sie so aller Welt die „neue Schöpfung“ vor Augen, in die sie mit ihrer Taufe hineingetaucht waren. Sie hatten den neuen Menschen angezogen (Eph 4,24), Christus selbst (Röm 13,14). Wie er sich im Tod mit ihnen verbunden hatte, so waren sie nun verbunden mit ihm in seiner Auferstehung. Sie waren zu einem Glied seines Leibes geworden, eingegliedert in die Kirche. Zur Bekräftigung legte ihnen der Bischof die Hände auf und salbte ihre Stirn. Mit der Firmung empfingen die Neugetauften in der Osternacht erstmals auch die Kommunion, und sie empfingen sie täglich bis zum darauffolgenden Sonntag, an dem sie ihre weißen Kleider wieder ablegten. Erst im 18. Jahrhundert wurde der „Weiße Sonntag“, der die Osteroktav beschließt, zum allgemeinen Tag der Erstkommunion, und nur sein Name und das weiße Kleid der Mädchen erinnern noch daran, dass es Getaufte sind, die hinzutreten zum Tisch des Herrn. Das Taufkleid selbst aber ist in manchen Familien zum Erbstück geworden, das von einem Kind zum anderen sorgfältig gehütet wird. Ob die Erben des Kleides sich bewusst sind, dass sie als Getaufte nach dem Römerbrief (8,17) Erben Gottes sind und Miterben Christi?

© Andrea Pichlmeier


Exsultet [12]

„Haben Sie das gesehen?“, fragte ich den Theologen, der neben mir saß. „Was gesehen?“ „Das da“, ich zeigte hin, „den Ameisenlöwen! Ich kann mir nicht helfen, wenn ich so etwas sehe, fällt mir Gott ein.“ – „Gott? Was hat dieses Insekt mit Gott zu tun?“ „Das weiß ich nicht, aber etwas in mir lässt mich wissen, dass Gott etwas mit ihm zu tun hat.“

Für Fridolin Stier (1902-1981), Professor für Altes Testament, gab es keine Kreatur, die nicht auf ihre Weise der Welt und seinen eigenen Sinnen Gottes Spuren eindrückte. Anders als noch in den Psalmen haben sich die Tiere heute aus den liturgischen Gebeten der Kirche weitgehend zurückgezogen. „Warum dich auf die gleiche Stufe mit dem Tiere stellen, von dem dich Gott unterschieden wissen will“, schreibt Ambrosius von Mailand (339-397) in seinem „Sechstagewerk“. Eine solche anthropozentrische Haltung bleibt nicht ohne Wirkung …

Doch der Kirchenvater, der wegen seiner Beredsamkeit oft mit einem Bienenkorb dargestellt wird, konnte nicht ahnen, dass dreihundert Jahre nach seiner Zeit ausgerechnet die Bienen als einzige Tiere der Schöpfung zusammen mit den Chören der Engel einziehen würden in den großen Hymnus der Osternacht, der nach seinem ersten Wort benannt ist: Exsultet, frohlocke! Jubelnd hält die Kirche Gott die Kerze entgegen, die sie am nächtlichen Feuer entzündet hat: „Aus dem köstlichen Wachs der Bienen bereitet, wird sie dir dargebracht von deiner heiligen Kirche durch die Hand ihrer Diener.“

Noch ehe die Hand dieser Diener die Kerze berühren konnte, hat allerdings der Schöpfer selbst die kleinen Geschöpfe beauftragt, das duftende Wachs zu erzeugen, das die Flamme der Osternacht nähren sollte. Summend haben sie sich ans Werk begeben und auf ihre Weise und lange vor der Zeit den Gesang der Erlösung angestimmt, in den einmal die ganze Schöpfung, Mensch und Tier, einstimmen wird. Denn „auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21). Weil alles Geschaffene mit Gott zu tun hat, darum wird auch alles Geschaffene in dieser „wahrhaft seligen Nacht“ vom Licht der Osterkerze ergriffen.

© Andrea Pichlmeier


Hosanna [11]

„Gottesdienst. Das Eingangslied ist verklungen. Der Pfarrer steht am Altar und beginnt: ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!‘ Alles bleibt still. ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!‘ Da steigt Christus vom Kreuz des Altars herab und verlässt die Kirche.“ Zwei Wochen nachdem er diese aufstörende Vision veröffentlicht hatte, musste der „Evangelische Ruf“, Wochenzeitung für den Kreis Breslau, sein Erscheinen einstellen. Der Artikel galt als staatsfeindlich. Doch auch in den Reihen der Kirche gab es Versuche, die jüdischen Wurzeln zu leugnen. Die „Deutschen Christen“ forderten, die hebräische Bibel, das „Judenbuch“, aus der christlichen Tradition zu entfernen und alle jüdischen Begriffe aus dem Gottesdienst zu tilgen. Diese aber haben das Dritte Reich überdauert, und mit ihnen ist das Beten Jesu und seiner jüdischen Vorfahren hörbar geblieben bis heute.

„Hosanna dem Sohne Davids!“ ruft die versammelte Gemeinde, wenn sie an der Schwelle zur Heiligen Woche den Einzug Jesu in Jerusalem feierlich verkündet. Das Hosanna ist wie das Amen und das Halleluja ein jüdisches Urwort in der Liturgie der Kirche. Ursprüngliche ein Hilferuf (vgl. 2 Sam 14,4 und 2 Kön 6,26) ist es zu gleich ein Urwort des Glaubens: Hosianna, „Hilf doch!“ bricht es in Psalm 118,25 hervor, mitten im jubelnden Dank für Gottes rettendes Handeln. Im Neuen Testament ist aus dem Hilferuf ein Huldigungsruf geworden: „Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!“ (Mk 11,9). Das Hosanna jedoch bleibt unübersetzt, im Evangelium des Palmsonntags und auch im Sanctus der Kirche, in dem es bei jeder Eucharistiefeier aufleuchtet. Seine Bedeutung ist nicht von seinen jüdischen Wurzeln zu lösen, nicht vom Beten Jesu und nicht vom beten des jüdischen Volkes. Denn nicht wir tragen die Wurzel, sondern es ist die Wurzel, die uns trägt (vgl. Röm 11,18), auch im Gottesdienst der Kirche.

© Andrea Pichlmeier


Verhüllt [10]

Wie ein riesiger Eisblock erhob er sich über das weithin offene Gelände, und Kaskaden von Wasser und Licht schienen an seiner Fassade herunterzustürzen. Zwei Wochen lang trug der Berliner Reichstag ein Gewand aus silbrig glänzenden Stoffbahnen, die ihm das Künstlerehepaar Christo und Jeanne Claude auf den Leib geschneidert hatten, einhunderttausend Quadratmeter groß. Verhüllt war er sichtbarer denn je, aber was man sehen konnte, war zur Frage geworden und hatte seine Selbstverständlichkeit eingebüßt.

Die Verhüllung ist ein kultischer Akt. Das allzu Vertraute wird den Blicken entzogen, es will neu und auf anderem Wege erfahren werden. Was immer verhüllt wird, erinnert uns daran, dass unsere Augen nur die Außenseite der Wirklichkeit erfassen. Das Alte Testament verbietet sogar die Darstellung „von irgendetwas droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde“ (vgl. Ex 20,4), vor allem jegliches Bild von Gott. Denn der Gott der Bibel kann nicht erschaut werden, er zeigt sich selbst. Ganz eindeutig zeigt er sich in Jesus: Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes (vgl. Kol 1,15). Dieses Bild hängt tausendfach in unseren Wohnungen und Kirchen. Als man im Mittelalter anfing, den leidenden Herrn am Kreuz dazustellen, hatte man auch schon damit begonnen, das Kreuz den Blicken zu entziehen. Vom 12. Jahrhundert an wurden in der Kirche des Westens am Passionssonntag die Kreuze und Bilder verhüllt. Dieser Brauch wurde damit erklärt, dass Jesus Christus in der Zeit des Leidens seine Gottheit verborgen habe. Man kann das Verhüllen aber auch verstehen als eine besondere Einladung zum Hören des Wortes. Denn unsere Augen sind es, die verhüllt sind, oder „gehalten“, wie Fridolin Stier in der Emmausgeschichte übersetzt (vgl. Lk 14,16), so dass wir zwar den Gekreuzigten sehen, tausendfach in der Welt, nicht aber den Auferstandenen, der an unserer Seite geht und uns die Schrift erschließt.

© Andrea Pichlmeier


Laetare! Freue dich! [9]

Was im Brief an die Philipper stehe, wurde der Student im Fach Neues Testament gefragt. „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!“, lautete prompt die Antwort. Ja, schon, aber was noch? „Noch einmal sage ich: Freut euch!“ (Phil 4,4), beharrte der Prüfling, der später ein berühmter Lehrer der Theologie werden sollte. Nicht zufällig erinnerte sich Eberhard Jüngel bei seiner Abschiedsvorlesung in Tübingen an diese Episode, die am Beginn seiner Laufbahn stand. Mit der Freude, schreibt er einmal, verhält es sich wie mit dem Glauben. Man kann nicht einfach beschließen, sich zu freuen. Die Freude entspringt dem Grund zur Freude. Den aber kann man aufrufen, und das tut der vierte Fastensonntag mit seinem Eröffnungsvers in Anlehnung an Jesaja: „Freut euch mit Jerusalem und jauchzt in ihr alle, die ihr sie liebt! Jubelt mit ihr, alle, die ihr um sie trauert, auf dass ihr trinkt und satt werdet an der Brust ihrer Tröstungen, auf dass ihr schlürft und euch labt an der Brust ihrer Herrlichkeit!“ (Jes 66,10-11). Das lateinische Anfangswort dieses Verses hat dem Sonntag seinen Namen gegeben: Laetare.

Die volkstümliche Überlieferung sieht Grund zur Freude darin, dass mit dem vierten Fastensonntag die Mitte der Fastenzeit erreicht ist und Ostern sozusagen in greifbare Nähe rückt. Der Eröffnungsvers jedoch ruft die versammelte Gemeinde hinein in die Zeit des Heils, die Gott seinem Volk und aller Welt verheißt. Denn der Tisch des Herrn steht ja schon mitten im neuen Jerusalem, das Jesaja kündend besingt. Wenn sie miteinander Mahl halten in Freude und Einfalt des Herzens (vgl. Apg 2,46), dann dürfen die Christen dies tun in der Gegenwart ihres auferstandenen Herrn. Ostern ist, wenn wir Eucharistie feiern. Und: Ostern liegt noch vor uns. Denn auch als Erlöste sind wir zeitlebens unterwegs vom Dunkel ins Licht und vom Tod zum Leben. Weil aber der Ostertag für immer angebrochen ist, darum kleidet die Kirche den Sonntag Laetare in ein zartes Rosa und kündet mit der Farbe der liturgischen Gewänder die Morgenröte des Ostersonntags an.

© Andrea Pichlmeier


Ambo [8]

Sie hatten alles verloren. Tempel, Staat, König, Opferaltar – alles, was sie als Volk des JHWH ausmachte, war zerstört. Im Babylonischen Exil wurde Israel zerschlagen. Im Babylonischen Exil fand das Gottesvolk seine Identität im Wort. Als neuer Gottesdienst ohne Tempel und Opfer entstand die Sabbatfeier, die heilige Zeit als Ersatz für den heiligen Ort. Später baute man Synagogen, in denen die Torarolle aufbewahrt und das Wort im Gottesdienst vom Bema, einer erhöhten Plattform in der Mitte des Raumes, aus verkündet wurde.

Die frühe Kirche orientierte sich mit ihren ersten Versammlungsräumen am Modell der Synagoge. An die Stelle des Bema trat der Ambo (von griech. anabainein, hinaufsteigen), ein erhöhter, durch Stufen zugänglicher Platz, der in die Chorschranken eingebaut wurde oder auch frei im Raum der Gläubigen stand, und von dem aus die gottesdienstlichen Lesungen vorgetragen wurden. In romanischer Zeit gab es gelegentlich sogar zwei Ambonen, je einen für das Evangelium und für die Epistel, die Lesung aus der neutestamentlichen Briefliteratur beziehungsweise aus den übrigen Schriften der Bibel.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Ambo, der als Wort-Ort weithin in Vergessenheit geraten war, als „Tisch des Wortes Gottes“ bezeichnet und ihm neben dem Tisch des eucharistischen Mahles seine eigenständige Bedeutung zurückgegeben, denn, so die Offenbarungskonstitution Dei Verbum: „Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst“ (Nr. 21). Und wie das Volk Jesu lesen wir diese Schriften nicht nur, um sie zu lesen, sondern wir haben „das unverschämte Glück, am Tropf dieser Worte zu hängen“. So empfindet es die Dichterin Eva Zeller. Dafür steht der Ambo, und kein anderes Wort als das der Schrift soll hier verkündet werden.

© Andrea Pichlmeier


Altar [7]

Sein Vorgänger hatte fünf Tonnen gewogen und die Apsis in der kleinen spätgotischen Kirche fast zur Gänze ausgefüllt. Die Gottesdienstgemeinde tat sich schwer mit ihm, er stand ihr ins Angesicht, aber er stiftete keine Beziehung. Er erzählte vom Opfer, aber sie konnten nicht wirklich Mahl feiern an ihm. Deswegen trennten sie sich von ihm. Der neue Altar fügte sich nicht nur in Größe und Gestalt ein in den gegebenen Raum – er wagte das Unerhörte und verließ den angestammten Platz. Er stieg die zwei kleinen Stufen ins Kirchenschiff hinunter und steht nun in der Mitte der feiernden Gemeinde.

Altäre gibt es in allen Religionen. Sie sind Stätten des Gebets und des Opfers, manchmal auch einfach Mahnmal zur Erinnerung an eine Begegnung mit der Gottheit. Der erste Brandopferaltar der Bibel wird von Noah errichtet (in Gen 8,20). Der letzte Brandopferaltar des Gottesvolkes wurde mit dem Tempel und der ganzen Stadt Jerusalem im Jahr 70 von den Römern zerstört.

Der christliche Gottesdienst kennt keinen Opferkult, denn Jesus ist gerade dafür in den Tod gegangen, dass sein und unser Gott nicht durch ein Opfer versöhnt werden muss. Man kann seine Hingabe Opfer nennen, Jesus selbst aber verbindet sie mit dem Zeichen des Mahles, indem er sich an die Feiernden verschenkt. Deswegen brauchte die christliche Gemeinde einen Tisch (lat. mensa), der jeweils vor dem Gottesdienst aufgestellt und auf dem die eucharistischen Gaben niedergelegt wurden. Erst vom vierten Jahrhundert an setzte sich allmählich der unverrückbare Tisch durch, der dann auch wieder „Altar“ genannt wurde und sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr von der Gemeinde „zurückzog“ in einen heiligen Raum hinein, der dem Bischof, den Priestern und Diakonen vorbehalten blieb. Christus jedoch, den „lebendigen Stein“ (1 Petr 2,4), zieht es zu den Menschen, denen er das Kommen des Gottesreiches im Bild des Mahles verkündet hat. Und jeder Altar darf heute bei seiner Weihe hören, er „sei die festliche Tafel, um die sich die Tischgenossen Christi freudig versammeln“ und „die Mitte unseres Lobens und Dankens“, der Ort, an dem wir Eucharistie feiern – Danksagung.

© Andrea Pichlmeier


Die heiligen 40 Tage [6]

Wie lang ist vierzig? Vierzig Jahre wandert Israel nach biblischer Überlieferung durch die Wüste ins Gelobte Land. Vierzig Tage bleibt Mose auf dem Berg beim Herrn. Vierzig Tage wandert Elija zum Gottesberg Horeb. Vierzig Tage bleibt Jesus in der Wüste „und wurde vom Satan in Versuchung geführt“ (Mk 1,13).

Die Vierzig sind ein biblisches Maß. Vielleicht sind sie das menschliche Maß überhaupt, für das Unterwegssein ebenso wie für das Bleiben. Vierzig Jahre umfassen eine Generation, auf jeden Fall ein erwachsenes Leben. Es ist die Zeit, die dem Menschen gegeben ist und auf die es ankommt.

Es kommt nicht in erster Linie auf das Fasten an. Die gängige Bezeichnung „Fastenzeit“ berührt nur einen Aspekt der Quadragesima, der „Vierzig“, wie die Zeit der Vorbereitung auf Ostern liturgisch genannt wird. Das Tagesgebet des ersten Fastensonntags spricht nicht vom Fasten, sondern bittet um „die Gnade, dass wir in der Erkenntnis Jesu Christi voranschreiten und die Kraft seiner Erlösungstat durch ein Leben aus dem Glauben sichtbar machen“. Dazu sind die heiligen vierzig Tage gegeben. Geschenkte Zeit, nicht um das Leben zu schmälern, sondern um es zu öffnen für die „Kraft“ (griech. dynamis), die von Ostern her in diese Zeit strömt. Es ist von alters her die Zeit des Katechumenats und der Kirchenbuße: Getragen von der österlichen „Dynamik“, bereiten Taufbewerber und Büßer sich vor, in der Osternacht an den Tisch des Herrn zu treten. Dazu hilft gewiss auch das Fasten, dazu hilft die geöffnete Hand, dem Bedürftigen hingehalten. Dazu helfen das Gebet und die Begegnung mit dem Auferstandenen im Wort der Schrift. Denn in seinen vierzig Tagen, die auch die unseren sind, wird Jesus in Versuchung geführt. Aber zugleich verwandelt sich die Wüste in einen Garten, wo er mit den wilden Tieren lebt und die Engel ihm dienen (vgl. Mk 1,13). Das ist das Paradies. In der „Erkenntnis Jesu Christi“ verwandeln sich uns die „Vierzig“ des Lebens immer mehr in den Garten des Ostermorgens.

© Andrea Pichlmeier


Asche [5]

„Denn alles Fleisch, es ist wie Gras / und alle Herrlichkeit des Menschen / wie des Grases Blume. / Das Gras ist verdorret / und die Blume abgefallen.“

Wie ein schleppender Totentanz beklagt der zweite Satz des „Deutschen Requiems“ von Johannes Brahms mit Jesaja 40,6-7 die Vergänglichkeit des Menschen. Aus dem Tod kann sich keine unsterbliche Seele davonstehlen. Im Tod „geschieht Zerstörung und Vernichtung, alles durchstreichende Verneinung“, schreibt der Salzburger Dogmatiker Gottfried Bachl. Am Ende ist jedes Grab leer, wenn „alles Fleisch“ aus seiner organischen Gestalt umgesetzt wird in anorganische Materie.

„Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Mit diesen Worten, in denen die Vertreibung aus dem Paradies anklingt (vgl. Gen 3,19), wird der Gläubige am Aschermittwoch daran erinnert, dass er den Tod erfährt gemäß den Gesetzen der Natur. Es gibt kein sprechenderes Zeichen für den unausweichlichen Zerfall als die Asche! Sie wird seit dem 11. Jahrhundert gewonnen durch das Verbrennen der Palmzweige des Vorjahres. Die Asche ist das Ergebnis der reinigenden und läuternden Kraft des Feuers. Sie unterstreicht seit alter Zeit die Bereitschaft des Büßers zum Bekenntnis seiner Schuld und zu seiner erneuten Hinwendung zum Gott des Lebens. Das zweite Begleitwort zur Aschenauflegung erinnert daher an den Aufruf Jesu (in Mk 1,15): „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“

Auch die Gebete zur Segnung der Asche lenken den Blick auf Ostern hin und bitten aufgrund des Evangeliums um das unvergängliche Leben. Denn vom Menschen aus bliebe es bei der bitteren Wahrheit der Asche, „wenn nicht das Wunder geschieht, dass eben im Horizont, wo das Leben verschwindet, der Geber des Lebens erscheint“ (Bachl). Mit dieser Hoffnung tritt der Christ ein in „die Zeit der Gnade“, denn er weiß, dass „der Tag der Rettung“ bereits angebrochen ist (vgl. 2 Kor 6,2) und das Licht der Osterkerze aufleuchtet – auch über dem Aschenkreuz auf seiner Stirn.

© Andrea Pichlmeier

Video: Woher kommt die Asche für Aschermittwoch?

Zusätzlich zum obenstehenden Text von Andrea Pichlmeier veröffentlichen wir zum Aschermittwoch auch ein Video, das im Rahmen der diesjährigen Firmvorbereitung in Mölln entstanden ist. Pastor Stefan Krinke erklärt darin den Jugendlichen, was es mit der Asche auf sich hat. Sehen Sie selbst!


Wort und Antwort [4]

„Der Mensch ist nicht von Natur aus liturgiefähig“, stellt der Münchner Liturgiewissenschaftler Winfried Haunerland fest. Menschen bringen Zeichen und Symbole hervor, und sie tun dies in allen Lebensbereichen, von der Familie bis zu gesellschaftlichen Großereignissen. Liturgie aber, christlicher Gottesdienst, beginnt nicht damit, dass wir unser Leben vor Gott in Bild und Sprache kleiden. Die Liturgie der Kirche setzt voraus, dass Gott uns berufen hat, vor ihm zu stehen und ihm zu dienen, wie das Zweite Hochgebet der heiligen Messe sagt. Diese Berufung wird in der Taufe besiegelt.

Die Liturgie der Kirche bringt in ihren Zeichen und Symbolen zum Ausdruck, dass Gott es ist, der zuerst handelt. Die Liturgie der Kirche ist nicht eine Annäherung der Menschen an einen namenlosen Gott, den es gnädig zu stimmen oder zu versöhnen gilt, sondern die von Gott Gerufenen versammeln sich, um den Namen dessen zu feiern, der sich im brennenden Dornbusch zu erkennen gegeben hat als der „Ich bin da“ (Ex 3,14). Dieser Name zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Unwiderruflich wird er eingelöst in Jesus Christus. Er ist das Ja Gottes zu den Menschen, und er ist das vorbehaltlose Ja eines Menschen zu Gott, göttliches Wort und menschliche Antwort zugleich.

Deswegen bettet sich die Kirche in sein Vertrauen und betet sie zu Gott dem Vater „durch in [Christus] und mit ihm und in ihm“. Durch ihn und mit ihm und in ihm vollzieht sich der Dialog Gottes mit den Menschen: katabatisch (von griechisch katabainein, heruntersteigen), weil Gott sich den Menschen in Jesus zuneigt, und anabatisch (von griechisch anabainein, hinaufsteigen), weil unser Beten aufsteigen will „wie Weihrauch, Herr, vor deinem Angesicht“ (vgl. Ps 141,2).

Dialog im Gottesdienst geschieht im Wort und im Tun, im Sprechen, Hören und Antworten. Dialog geschieht im Gebet. Und wahrscheinlich ist der Dialog im Gottesdienst der Kirche nicht zu trennen vom Dialog in der Kirche überhaupt, denn mit der Taufe wird auch zur Kommunikation berufen, wem der Geist Jesu geschenkt ist.

© Andrea Pichlmeier


Träger der Liturgie: Die versammelte Gemeinde [3]

„Bin ich nicht Volk?“, soll Kardinal Hermann Volk gefragt haben, als man auf der Würzburger Synode wissen wollte, warum er als Priester bei einem Gottesdienst nicht konzelebriert habe. Das schlagfertige Wortspiel mit dem eigenen Namen bringt zum Ausdruck, dass es das ganze Gottesvolk ist, das den Gottesdienst feiert. Auch wenn nicht alle das Gleiche tun, ist doch die ganze Gemeinde Trägerin der Liturgie. […] Es ist Jesus Christus selbst, der dieses neue Volk gesammelt hat, eine heilige Priesterschaft (vgl. 1 Petr 2,5), deren Opfer darin besteht, dass sie sich im täglichen Leben vertrauensvoll Gott dem Vater überantwortet. Damit begibt sie sich in die Nachfolge Jesu, dessen eigene Hingabe sie in der Feier der Eucharistie zeichenhaft gegenwärtig werden lässt.

Wenn im Neuen Testament oder bei den Apostolischen Vätern vom christlichen Gottesdienst die Rede ist, dann werden dafür nicht die überlieferten Kultbegriffe des antiken Heidentums verwendet, sondern es wird davon gesprochen, dass die Gemeinde zusammenkommt. Christliche Versammlung und christlicher Gottesdienst sind in der Alten Kirche identisch. Wo Christen sich versammeln, da ereignet sich Kirche, denn das griechische Wort ekklesia besagt ja nichts anderes als die vom Herrn zusammengerufene Gemeinde. […] Diese der Kirche ureigenen Überzeugung hat über Jahrhunderte hinweg im Schatten der Geschichte gestanden, bis die liturgische Erneuerung und ein neu erwachendes Kirchenbewusstsein der Gläubigen im 20. Jahrhundert die Frage laut werden ließ: Sind wir nicht Volk?

© Andrea Pichlmeier


Träger der Liturgie: Jesus Christus [2]

„Ob Gott an mich glaubt?“ Der Lyriker Rainer Malkowski (1939-2003) stellt in seinem Gedicht „Verlassene Wallfahrtskirche“ [siehe hier auf Seite 22] die Frage, die vielleicht wirklich nur „außerhalb der Saison“ gestellt werden kann. Innerhalb der „Saison“, im kirchlichen und liturgischen „Betrieb“, wird diese Frage so gut wie nie gestellt. Da wird gefragt, ob Menschen an Gott glauben und ob sie entsprechend „liturgiefähig“ sind. Tatsächlich aber hängt die Liturgiefähigkeit nicht vom eigenen Vermögen ab, sondern wird Christen mit der Taufe geschenkt.

In der Taufe erhält der Mensch Anteil an Tod und Auferstehung Jesu und wird Teil seines Leibes, der Kirche. Als Geretteter darf er mit den Worten Jesu Gott „Vater“ nennen und Tag für Tag in das Geheimnis seiner Rettung eintauchen. Denn wann immer Kirche sich versammelt (auch wenn es nur zwei oder drei sind), dann ist Jesus selbst „mitten unter ihnen“ (vgl. Mt 18,20).

Die Begegnung mit dem Auferstandenen ist nicht ein fernes Geschehen, an das man sich erinnert, sondern ereignet sich in der Gegenwart. Gegenwärtig ist Jesus Christus in der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde, im Dienst des Priesters sowie in den eucharistischen Gestalten von Brot und Wein. „Gegenwärtig ist er in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften der Kirche gelesen werden“, wie es in der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils (Sacrosanctum Concilium Nr. 7) heißt.

Deshalb erhebt sich die Gemeinde, wenn das Evangelium vorgetragen wird – es ist nicht bloß die Rede über ihn, sondern Anrede, sein eigenes Wort. Jesus Christus selbst ist es, der spricht und handelt, in den Worten und Zeichen seiner Gemeinde, in allen Sakramenten, „sodass, wenn immer einer tauft, Christus selber tauft“. Durch ihn bezeugt Gott, dass er an den Menschen glaubt. Weil er in dem einen „mit seiner ganzen Fülle“ wohnen wollte (vgl. Kol 1,19), dürfen sie alle die Gabe des Lebens feiern.

© Andrea Pichlmeier


Grün als liturgische Farbe [1]

Grün ist die Lieblingsfarbe Gottes, schreibt der Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti. In der ersten Schöpfungserzählung lässt Gott am dritten Tag junges Grün wachsen, alle Arten von Pflanzen und Bäumen (Gen 1,11-13). Mit dem jungen Grün beginnt sich das Leben auf der Erde zu regen, jüdische Paare heiraten deswegen gern am dritten Tag der Woche, dem Dienstag.

Grün ist auch eine liturgische Farbe in der katholischen Kirche: Stola und Paramente außerhalb der großen Festkreise sind grün. Ursprünglich kannte man keine besonderen Farben für die liturgische Kleidung, die ja aus der antiken Zivilkleidung entstanden ist. Lediglich die Unterkleidung (die „Albe“ von lateinisch albus = weiß) sollte weiß sein und damit an das Taufkleid der Christen erinnern. Die Oberkleidung wurde je nach Stand, Vermögen und Festlichkeit mit dem teuren Sekret der Purpurschnecke gefärbt, mit dem man verschiedene Farbtöne von Zartrosa bis zu rot satiniertem Schwarz erzeugen konnte.

Erst in der Karolingerzeit des achten und neunten Jahrhunderts begann man dann mancherorts, bestimmten Festen eine besondere Farbe der liturgischen Oberkleidung zuzuordnen. Ein erster Farbkanon ist zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts durch Papst Innozenz III. überliefert. Verpflichtend wird die Farbgebung erst mit dem Trienter Missale (Messbuch) für den römischen Ritus.

Das heutige Messbuch hat die traditionelle Regelung im Wesentlichen übernommen: Weiß für die Oster- und Weihnachtszeit und die Herrenfeste, Rot für Palmsonntag und Karfreitag, für Pfingsten und die Märtyrerfeste, Violett für die Advents- und Fastenzeit sowie bei der Liturgie für Verstorbene (bei der häufig aber auch Schwarz verwendet wird). Und grün bleibt es das Jahr über im Garten Gottes, in dem Maria Magdalena dem Auferstandenen begegnet, am dritten Tag …

© Andrea Pichlmeier

Katholische Kirche im Pastoralen Raum Stormarn-Lauenburg Nord