Liturgie im Leben

Symbolik der Osterkerze [14]

Klein und etwas vergilbt stand sie in der Reihe der hoch aufragenden Kommunionkerzen, und es zierten sie nicht Kelch und Hostie, sondern eine elfenbeinfarbene Heiliggeisttaube mit roten Füßen über goldenen Wellenlinien. Sie war eine Taufkerze und am Tag dieser Erstkommunion bereits sieben Jahre alt. So erinnerte sie an den Weg von der Taufe zur Eucharistie und erzählte von dem Brauch der Alten Kirche, nach dem die Neugetauften mit brennenden Kerzen in Händen in die Versammlung der Gemeinde einzogen, um die österliche Eucharistie zu feiern. Als Taufkerze hatte auch sie ihr Licht einst von der Osterkerze empfangen, wie es das Taufritual vorsieht. Die Osterkerze aber war in der Osternacht am Osterfeuer entzündet worden, und die Gläubigen waren hinter ihr her in die Kirche eingezogen, wie einst das Gottesvolk hinter der Feuersäule her in die Freiheit zog. Bei der Weihe des Taufwassers wurde sie eingetaucht, das Licht in die Flut. Aber das Licht verlöschte nicht. Der Tod hat keine Macht mehr über das Leben. Darum brennt die Osterkerze fünfzig Tage lang bei allen Gottesdiensten, bevor sie ihren Platz am Taufbrunnen einnimmt. Und wenn ein Mensch in das Dunkel des Todes geht, dann steht sie neben seinem Sarg. Dem verstorbenen Wiener Kardinal Franz König war dies so wichtig, dass er es eigens in seinem Testament festhielt: „Vergesst mir an meinem Sarg die Osterkerze nicht.“ Dort brennt sie jetzt, ein österliches Lichtwort für alle, die mit ihren Taufkerzen Christus nachfolgen. Ihm, der sich im Johannesevangelium zu erkennen gibt als das Licht der Welt. (vgl. Joh 8,12).

© Andrea Pichlmeier


Das weiße Kleid [13]

Einen Sommer lang gingen die Mädchen Sonntag für Sonntag in weißen Kleidern zur Kirche. Das schlichte Erstkommunionkleid, bar jeglichen überflüssigen Zierrats, diente uns als Sonntagsgewand. Das war im Jahr 1970. In der Kirche der ersten Jahrhunderte galt die Osteroktav, also die Woche vom Ostersonntag bis zum darauffolgenden Sonntag, als Woche in albis, „in weißen Kleidern“. Acht Tage lang trugen die Männer und Frauen, die in der Osternacht getauft worden waren, ihre weißen Taufkleider. Acht Tage lang stellten sie so aller Welt die „neue Schöpfung“ vor Augen, in die sie mit ihrer Taufe hineingetaucht waren. Sie hatten den neuen Menschen angezogen (Eph 4,24), Christus selbst (Röm 13,14). Wie er sich im Tod mit ihnen verbunden hatte, so waren sie nun verbunden mit ihm in seiner Auferstehung. Sie waren zu einem Glied seines Leibes geworden, eingegliedert in die Kirche. Zur Bekräftigung legte ihnen der Bischof die Hände auf und salbte ihre Stirn. Mit der Firmung empfingen die Neugetauften in der Osternacht erstmals auch die Kommunion, und sie empfingen sie täglich bis zum darauffolgenden Sonntag, an dem sie ihre weißen Kleider wieder ablegten. Erst im 18. Jahrhundert wurde der „Weiße Sonntag“, der die Osteroktav beschließt, zum allgemeinen Tag der Erstkommunion, und nur sein Name und das weiße Kleid der Mädchen erinnern noch daran, dass es Getaufte sind, die hinzutreten zum Tisch des Herrn. Das Taufkleid selbst aber ist in manchen Familien zum Erbstück geworden, das von einem Kind zum anderen sorgfältig gehütet wird. Ob die Erben des Kleides sich bewusst sind, dass sie als Getaufte nach dem Römerbrief (8,17) Erben Gottes sind und Miterben Christi?

© Andrea Pichlmeier


Exsultet [12]

„Haben Sie das gesehen?“, fragte ich den Theologen, der neben mir saß. „Was gesehen?“ „Das da“, ich zeigte hin, „den Ameisenlöwen! Ich kann mir nicht helfen, wenn ich so etwas sehe, fällt mir Gott ein.“ – „Gott? Was hat dieses Insekt mit Gott zu tun?“ „Das weiß ich nicht, aber etwas in mir lässt mich wissen, dass Gott etwas mit ihm zu tun hat.“

Für Fridolin Stier (1902-1981), Professor für Altes Testament, gab es keine Kreatur, die nicht auf ihre Weise der Welt und seinen eigenen Sinnen Gottes Spuren eindrückte. Anders als noch in den Psalmen haben sich die Tiere heute aus den liturgischen Gebeten der Kirche weitgehend zurückgezogen. „Warum dich auf die gleiche Stufe mit dem Tiere stellen, von dem dich Gott unterschieden wissen will“, schreibt Ambrosius von Mailand (339-397) in seinem „Sechstagewerk“. Eine solche anthropozentrische Haltung bleibt nicht ohne Wirkung …

Doch der Kirchenvater, der wegen seiner Beredsamkeit oft mit einem Bienenkorb dargestellt wird, konnte nicht ahnen, dass dreihundert Jahre nach seiner Zeit ausgerechnet die Bienen als einzige Tiere der Schöpfung zusammen mit den Chören der Engel einziehen würden in den großen Hymnus der Osternacht, der nach seinem ersten Wort benannt ist: Exsultet, frohlocke! Jubelnd hält die Kirche Gott die Kerze entgegen, die sie am nächtlichen Feuer entzündet hat: „Aus dem köstlichen Wachs der Bienen bereitet, wird sie dir dargebracht von deiner heiligen Kirche durch die Hand ihrer Diener.“

Noch ehe die Hand dieser Diener die Kerze berühren konnte, hat allerdings der Schöpfer selbst die kleinen Geschöpfe beauftragt, das duftende Wachs zu erzeugen, das die Flamme der Osternacht nähren sollte. Summend haben sie sich ans Werk begeben und auf ihre Weise und lange vor der Zeit den Gesang der Erlösung angestimmt, in den einmal die ganze Schöpfung, Mensch und Tier, einstimmen wird. Denn „auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21). Weil alles Geschaffene mit Gott zu tun hat, darum wird auch alles Geschaffene in dieser „wahrhaft seligen Nacht“ vom Licht der Osterkerze ergriffen.

© Andrea Pichlmeier


Hosanna [11]

„Gottesdienst. Das Eingangslied ist verklungen. Der Pfarrer steht am Altar und beginnt: ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!‘ Alles bleibt still. ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!‘ Da steigt Christus vom Kreuz des Altars herab und verlässt die Kirche.“ Zwei Wochen nachdem er diese aufstörende Vision veröffentlicht hatte, musste der „Evangelische Ruf“, Wochenzeitung für den Kreis Breslau, sein Erscheinen einstellen. Der Artikel galt als staatsfeindlich. Doch auch in den Reihen der Kirche gab es Versuche, die jüdischen Wurzeln zu leugnen. Die „Deutschen Christen“ forderten, die hebräische Bibel, das „Judenbuch“, aus der christlichen Tradition zu entfernen und alle jüdischen Begriffe aus dem Gottesdienst zu tilgen. Diese aber haben das Dritte Reich überdauert, und mit ihnen ist das Beten Jesu und seiner jüdischen Vorfahren hörbar geblieben bis heute.

„Hosanna dem Sohne Davids!“ ruft die versammelte Gemeinde, wenn sie an der Schwelle zur Heiligen Woche den Einzug Jesu in Jerusalem feierlich verkündet. Das Hosanna ist wie das Amen und das Halleluja ein jüdisches Urwort in der Liturgie der Kirche. Ursprüngliche ein Hilferuf (vgl. 2 Sam 14,4 und 2 Kön 6,26) ist es zu gleich ein Urwort des Glaubens: Hosianna, „Hilf doch!“ bricht es in Psalm 118,25 hervor, mitten im jubelnden Dank für Gottes rettendes Handeln. Im Neuen Testament ist aus dem Hilferuf ein Huldigungsruf geworden: „Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!“ (Mk 11,9). Das Hosanna jedoch bleibt unübersetzt, im Evangelium des Palmsonntags und auch im Sanctus der Kirche, in dem es bei jeder Eucharistiefeier aufleuchtet. Seine Bedeutung ist nicht von seinen jüdischen Wurzeln zu lösen, nicht vom Beten Jesu und nicht vom beten des jüdischen Volkes. Denn nicht wir tragen die Wurzel, sondern es ist die Wurzel, die uns trägt (vgl. Röm 11,18), auch im Gottesdienst der Kirche.

© Andrea Pichlmeier


Verhüllt [10]

Wie ein riesiger Eisblock erhob er sich über das weithin offene Gelände, und Kaskaden von Wasser und Licht schienen an seiner Fassade herunterzustürzen. Zwei Wochen lang trug der Berliner Reichstag ein Gewand aus silbrig glänzenden Stoffbahnen, die ihm das Künstlerehepaar Christo und Jeanne Claude auf den Leib geschneidert hatten, einhunderttausend Quadratmeter groß. Verhüllt war er sichtbarer denn je, aber was man sehen konnte, war zur Frage geworden und hatte seine Selbstverständlichkeit eingebüßt.

Die Verhüllung ist ein kultischer Akt. Das allzu Vertraute wird den Blicken entzogen, es will neu und auf anderem Wege erfahren werden. Was immer verhüllt wird, erinnert uns daran, dass unsere Augen nur die Außenseite der Wirklichkeit erfassen. Das Alte Testament verbietet sogar die Darstellung „von irgendetwas droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde“ (vgl. Ex 20,4), vor allem jegliches Bild von Gott. Denn der Gott der Bibel kann nicht erschaut werden, er zeigt sich selbst. Ganz eindeutig zeigt er sich in Jesus: Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes (vgl. Kol 1,15). Dieses Bild hängt tausendfach in unseren Wohnungen und Kirchen. Als man im Mittelalter anfing, den leidenden Herrn am Kreuz dazustellen, hatte man auch schon damit begonnen, das Kreuz den Blicken zu entziehen. Vom 12. Jahrhundert an wurden in der Kirche des Westens am Passionssonntag die Kreuze und Bilder verhüllt. Dieser Brauch wurde damit erklärt, dass Jesus Christus in der Zeit des Leidens seine Gottheit verborgen habe. Man kann das Verhüllen aber auch verstehen als eine besondere Einladung zum Hören des Wortes. Denn unsere Augen sind es, die verhüllt sind, oder „gehalten“, wie Fridolin Stier in der Emmausgeschichte übersetzt (vgl. Lk 14,16), so dass wir zwar den Gekreuzigten sehen, tausendfach in der Welt, nicht aber den Auferstandenen, der an unserer Seite geht und uns die Schrift erschließt.

© Andrea Pichlmeier


Laetare! Freue dich! [9]

Was im Brief an die Philipper stehe, wurde der Student im Fach Neues Testament gefragt. „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!“, lautete prompt die Antwort. Ja, schon, aber was noch? „Noch einmal sage ich: Freut euch!“ (Phil 4,4), beharrte der Prüfling, der später ein berühmter Lehrer der Theologie werden sollte. Nicht zufällig erinnerte sich Eberhard Jüngel bei seiner Abschiedsvorlesung in Tübingen an diese Episode, die am Beginn seiner Laufbahn stand. Mit der Freude, schreibt er einmal, verhält es sich wie mit dem Glauben. Man kann nicht einfach beschließen, sich zu freuen. Die Freude entspringt dem Grund zur Freude. Den aber kann man aufrufen, und das tut der vierte Fastensonntag mit seinem Eröffnungsvers in Anlehnung an Jesaja: „Freut euch mit Jerusalem und jauchzt in ihr alle, die ihr sie liebt! Jubelt mit ihr, alle, die ihr um sie trauert, auf dass ihr trinkt und satt werdet an der Brust ihrer Tröstungen, auf dass ihr schlürft und euch labt an der Brust ihrer Herrlichkeit!“ (Jes 66,10-11). Das lateinische Anfangswort dieses Verses hat dem Sonntag seinen Namen gegeben: Laetare.

Die volkstümliche Überlieferung sieht Grund zur Freude darin, dass mit dem vierten Fastensonntag die Mitte der Fastenzeit erreicht ist und Ostern sozusagen in greifbare Nähe rückt. Der Eröffnungsvers jedoch ruft die versammelte Gemeinde hinein in die Zeit des Heils, die Gott seinem Volk und aller Welt verheißt. Denn der Tisch des Herrn steht ja schon mitten im neuen Jerusalem, das Jesaja kündend besingt. Wenn sie miteinander Mahl halten in Freude und Einfalt des Herzens (vgl. Apg 2,46), dann dürfen die Christen dies tun in der Gegenwart ihres auferstandenen Herrn. Ostern ist, wenn wir Eucharistie feiern. Und: Ostern liegt noch vor uns. Denn auch als Erlöste sind wir zeitlebens unterwegs vom Dunkel ins Licht und vom Tod zum Leben. Weil aber der Ostertag für immer angebrochen ist, darum kleidet die Kirche den Sonntag Laetare in ein zartes Rosa und kündet mit der Farbe der liturgischen Gewänder die Morgenröte des Ostersonntags an.

© Andrea Pichlmeier


Ambo [8]

Sie hatten alles verloren. Tempel, Staat, König, Opferaltar – alles, was sie als Volk des JHWH ausmachte, war zerstört. Im Babylonischen Exil wurde Israel zerschlagen. Im Babylonischen Exil fand das Gottesvolk seine Identität im Wort. Als neuer Gottesdienst ohne Tempel und Opfer entstand die Sabbatfeier, die heilige Zeit als Ersatz für den heiligen Ort. Später baute man Synagogen, in denen die Torarolle aufbewahrt und das Wort im Gottesdienst vom Bema, einer erhöhten Plattform in der Mitte des Raumes, aus verkündet wurde.

Die frühe Kirche orientierte sich mit ihren ersten Versammlungsräumen am Modell der Synagoge. An die Stelle des Bema trat der Ambo (von griech. anabainein, hinaufsteigen), ein erhöhter, durch Stufen zugänglicher Platz, der in die Chorschranken eingebaut wurde oder auch frei im Raum der Gläubigen stand, und von dem aus die gottesdienstlichen Lesungen vorgetragen wurden. In romanischer Zeit gab es gelegentlich sogar zwei Ambonen, je einen für das Evangelium und für die Epistel, die Lesung aus der neutestamentlichen Briefliteratur beziehungsweise aus den übrigen Schriften der Bibel.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Ambo, der als Wort-Ort weithin in Vergessenheit geraten war, als „Tisch des Wortes Gottes“ bezeichnet und ihm neben dem Tisch des eucharistischen Mahles seine eigenständige Bedeutung zurückgegeben, denn, so die Offenbarungskonstitution Dei Verbum: „Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst“ (Nr. 21). Und wie das Volk Jesu lesen wir diese Schriften nicht nur, um sie zu lesen, sondern wir haben „das unverschämte Glück, am Tropf dieser Worte zu hängen“. So empfindet es die Dichterin Eva Zeller. Dafür steht der Ambo, und kein anderes Wort als das der Schrift soll hier verkündet werden.

© Andrea Pichlmeier


Altar [7]

Sein Vorgänger hatte fünf Tonnen gewogen und die Apsis in der kleinen spätgotischen Kirche fast zur Gänze ausgefüllt. Die Gottesdienstgemeinde tat sich schwer mit ihm, er stand ihr ins Angesicht, aber er stiftete keine Beziehung. Er erzählte vom Opfer, aber sie konnten nicht wirklich Mahl feiern an ihm. Deswegen trennten sie sich von ihm. Der neue Altar fügte sich nicht nur in Größe und Gestalt ein in den gegebenen Raum – er wagte das Unerhörte und verließ den angestammten Platz. Er stieg die zwei kleinen Stufen ins Kirchenschiff hinunter und steht nun in der Mitte der feiernden Gemeinde.

Altäre gibt es in allen Religionen. Sie sind Stätten des Gebets und des Opfers, manchmal auch einfach Mahnmal zur Erinnerung an eine Begegnung mit der Gottheit. Der erste Brandopferaltar der Bibel wird von Noah errichtet (in Gen 8,20). Der letzte Brandopferaltar des Gottesvolkes wurde mit dem Tempel und der ganzen Stadt Jerusalem im Jahr 70 von den Römern zerstört.

Der christliche Gottesdienst kennt keinen Opferkult, denn Jesus ist gerade dafür in den Tod gegangen, dass sein und unser Gott nicht durch ein Opfer versöhnt werden muss. Man kann seine Hingabe Opfer nennen, Jesus selbst aber verbindet sie mit dem Zeichen des Mahles, indem er sich an die Feiernden verschenkt. Deswegen brauchte die christliche Gemeinde einen Tisch (lat. mensa), der jeweils vor dem Gottesdienst aufgestellt und auf dem die eucharistischen Gaben niedergelegt wurden. Erst vom vierten Jahrhundert an setzte sich allmählich der unverrückbare Tisch durch, der dann auch wieder „Altar“ genannt wurde und sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr von der Gemeinde „zurückzog“ in einen heiligen Raum hinein, der dem Bischof, den Priestern und Diakonen vorbehalten blieb. Christus jedoch, den „lebendigen Stein“ (1 Petr 2,4), zieht es zu den Menschen, denen er das Kommen des Gottesreiches im Bild des Mahles verkündet hat. Und jeder Altar darf heute bei seiner Weihe hören, er „sei die festliche Tafel, um die sich die Tischgenossen Christi freudig versammeln“ und „die Mitte unseres Lobens und Dankens“, der Ort, an dem wir Eucharistie feiern – Danksagung.

© Andrea Pichlmeier


Die heiligen 40 Tage [6]

Wie lang ist vierzig? Vierzig Jahre wandert Israel nach biblischer Überlieferung durch die Wüste ins Gelobte Land. Vierzig Tage bleibt Mose auf dem Berg beim Herrn. Vierzig Tage wandert Elija zum Gottesberg Horeb. Vierzig Tage bleibt Jesus in der Wüste „und wurde vom Satan in Versuchung geführt“ (Mk 1,13).

Die Vierzig sind ein biblisches Maß. Vielleicht sind sie das menschliche Maß überhaupt, für das Unterwegssein ebenso wie für das Bleiben. Vierzig Jahre umfassen eine Generation, auf jeden Fall ein erwachsenes Leben. Es ist die Zeit, die dem Menschen gegeben ist und auf die es ankommt.

Es kommt nicht in erster Linie auf das Fasten an. Die gängige Bezeichnung „Fastenzeit“ berührt nur einen Aspekt der Quadragesima, der „Vierzig“, wie die Zeit der Vorbereitung auf Ostern liturgisch genannt wird. Das Tagesgebet des ersten Fastensonntags spricht nicht vom Fasten, sondern bittet um „die Gnade, dass wir in der Erkenntnis Jesu Christi voranschreiten und die Kraft seiner Erlösungstat durch ein Leben aus dem Glauben sichtbar machen“. Dazu sind die heiligen vierzig Tage gegeben. Geschenkte Zeit, nicht um das Leben zu schmälern, sondern um es zu öffnen für die „Kraft“ (griech. dynamis), die von Ostern her in diese Zeit strömt. Es ist von alters her die Zeit des Katechumenats und der Kirchenbuße: Getragen von der österlichen „Dynamik“, bereiten Taufbewerber und Büßer sich vor, in der Osternacht an den Tisch des Herrn zu treten. Dazu hilft gewiss auch das Fasten, dazu hilft die geöffnete Hand, dem Bedürftigen hingehalten. Dazu helfen das Gebet und die Begegnung mit dem Auferstandenen im Wort der Schrift. Denn in seinen vierzig Tagen, die auch die unseren sind, wird Jesus in Versuchung geführt. Aber zugleich verwandelt sich die Wüste in einen Garten, wo er mit den wilden Tieren lebt und die Engel ihm dienen (vgl. Mk 1,13). Das ist das Paradies. In der „Erkenntnis Jesu Christi“ verwandeln sich uns die „Vierzig“ des Lebens immer mehr in den Garten des Ostermorgens.

© Andrea Pichlmeier


Asche [5]

„Denn alles Fleisch, es ist wie Gras / und alle Herrlichkeit des Menschen / wie des Grases Blume. / Das Gras ist verdorret / und die Blume abgefallen.“

Wie ein schleppender Totentanz beklagt der zweite Satz des „Deutschen Requiems“ von Johannes Brahms mit Jesaja 40, 6-7 die Vergänglichkeit des Menschen. Aus dem Tod kann sich keine unsterbliche Seele davonstehlen. Im Tod „geschieht Zerstörung und Vernichtung, alles durchstreichende Verneinung“, schreibt der Salzburger Dogmatiker Gottfried Bachl. Am Ende ist jedes Grab leer, wenn „alles Fleisch“ aus seiner organischen Gestalt umgesetzt wird in anorganische Materie.

„Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Mit diesen Worten, in denen die Vertreibung aus dem Paradies anklingt (vgl. Gen 3,19), wird der Gläubige am Aschermittwoch daran erinnert, dass er den Tod erfährt gemäß den Gesetzen der Natur. Es gibt kein sprechenderes Zeichen für den unausweichlichen Zerfall als die Asche! Sie wird seit dem 11. Jahrhundert gewonnen durch das Verbrennen der Palmzweige des Vorjahres. Die Asche ist das Ergebnis der reinigenden und läuternden Kraft des Feuers. Sie unterstreicht seit alter Zeit die Bereitschaft des Büßers zum Bekenntnis seiner Schuld und zu seiner erneuten Hinwendung zum Gott des Lebens. Das zweite Begleitwort zur Aschenauflegung erinnert daher an den Aufruf Jesu (in Mk 1,15): „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“

Auch die Gebete zur Segnung der Asche lenken den Blick auf Ostern hin und bitten aufgrund des Evangeliums um das unvergängliche Leben. Denn vom Menschen aus bliebe es bei der bitteren Wahrheit der Asche, „wenn nicht das Wunder geschieht, dass eben im Horizont, wo das Leben verschwindet, der Geber des Lebens erscheint“ (Bachl). Mit dieser Hoffnung tritt der Christ ein in „die Zeit der Gnade“, denn er weiß, dass „der Tag der Rettung“ bereits angebrochen ist (vgl. 2 Kor 6,2) und das Licht der Osterkerze aufleuchtet – auch über dem Aschenkreuz auf seiner Stirn.

© Andrea Pichlmeier

Video: Woher kommt die Asche für Aschermittwoch?

Zusätzlich zum obenstehenden Text von Andrea Pichlmeier veröffentlichen wir zum Aschermittwoch auch ein Video, das im Rahmen der diesjährigen Firmvorbereitung in Mölln entstanden ist. Pastor Stefan Krinke erklärt darin den Jugendlichen, was es mit der Asche auf sich hat. Sehen Sie selbst!


Wort und Antwort [4]

„Der Mensch ist nicht von Natur aus liturgiefähig“, stellt der Münchner Liturgiewissenschaftler Winfried Haunerland fest. Menschen bringen Zeichen und Symbole hervor, und sie tun dies in allen Lebensbereichen, von der Familie bis zu gesellschaftlichen Großereignissen. Liturgie aber, christlicher Gottesdienst, beginnt nicht damit, dass wir unser Leben vor Gott in Bild und Sprache kleiden. Die Liturgie der Kirche setzt voraus, dass Gott uns berufen hat, vor ihm zu stehen und ihm zu dienen, wie das Zweite Hochgebet der heiligen Messe sagt. Diese Berufung wird in der Taufe besiegelt.

Die Liturgie der Kirche bringt in ihren Zeichen und Symbolen zum Ausdruck, dass Gott es ist, der zuerst handelt. Die Liturgie der Kirche ist nicht eine Annäherung der Menschen an einen namenlosen Gott, den es gnädig zu stimmen oder zu versöhnen gilt, sondern die von Gott Gerufenen versammeln sich, um den Namen dessen zu feiern, der sich im brennenden Dornbusch zu erkennen gegeben hat als der „Ich bin da“ (Ex 3,14). Dieser Name zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Unwiderruflich wird er eingelöst in Jesus Christus. Er ist das Ja Gottes zu den Menschen, und er ist das vorbehaltlose Ja eines Menschen zu Gott, göttliches Wort und menschliche Antwort zugleich.

Deswegen bettet sich die Kirche in sein Vertrauen und betet sie zu Gott dem Vater „durch in [Christus] und mit ihm und in ihm“. Durch ihn und mit ihm und in ihm vollzieht sich der Dialog Gottes mit den Menschen: katabatisch (von griechisch katabainein, heruntersteigen), weil Gott sich den Menschen in Jesus zuneigt, und anabatisch (von griechisch anabainein, hinaufsteigen), weil unser Beten aufsteigen will „wie Weihrauch, Herr, vor deinem Angesicht“ (vgl. Ps 141,2).

Dialog im Gottesdienst geschieht im Wort und im Tun, im Sprechen, Hören und Antworten. Dialog geschieht im Gebet. Und wahrscheinlich ist der Dialog im Gottesdienst der Kirche nicht zu trennen vom Dialog in der Kirche überhaupt, denn mit der Taufe wird auch zur Kommunikation berufen, wem der Geist Jesu geschenkt ist.

© Andrea Pichlmeier


Träger der Liturgie: Die versammelte Gemeinde [3]

„Bin ich nicht Volk?“, soll Kardinal Hermann Volk gefragt haben, als man auf der Würzburger Synode wissen wollte, warum er als Priester bei einem Gottesdienst nicht konzelebriert habe. Das schlagfertige Wortspiel mit dem eigenen Namen bringt zum Ausdruck, dass es das ganze Gottesvolk ist, das den Gottesdienst feiert. Auch wenn nicht alle das Gleiche tun, ist doch die ganze Gemeinde Trägerin der Liturgie. […] Es ist Jesus Christus selbst, der dieses neue Volk gesammelt hat, eine heilige Priesterschaft (vgl. 1 Petr 2,5), deren Opfer darin besteht, dass sie sich im täglichen Leben vertrauensvoll Gott dem Vater überantwortet. Damit begibt sie sich in die Nachfolge Jesu, dessen eigene Hingabe sie in der Feier der Eucharistie zeichenhaft gegenwärtig werden lässt.

Wenn im Neuen Testament oder bei den Apostolischen Vätern vom christlichen Gottesdienst die Rede ist, dann werden dafür nicht die überlieferten Kultbegriffe des antiken Heidentums verwendet, sondern es wird davon gesprochen, dass die Gemeinde zusammenkommt. Christliche Versammlung und christlicher Gottesdienst sind in der Alten Kirche identisch. Wo Christen sich versammeln, da ereignet sich Kirche, denn das griechische Wort ekklesia besagt ja nichts anderes als die vom Herrn zusammengerufene Gemeinde. […] Diese der Kirche ureigenen Überzeugung hat über Jahrhunderte hinweg im Schatten der Geschichte gestanden, bis die liturgische Erneuerung und ein neu erwachendes Kirchenbewusstsein der Gläubigen im 20. Jahrhundert die Frage laut werden ließ: Sind wir nicht Volk?

© Andrea Pichlmeier


Träger der Liturgie: Jesus Christus [2]

„Ob Gott an mich glaubt?“ Der Lyriker Rainer Malkowski (1939-2003) stellt in seinem Gedicht „Verlassene Wallfahrtskirche“ [siehe hier auf Seite 22] die Frage, die vielleicht wirklich nur „außerhalb der Saison“ gestellt werden kann. Innerhalb der „Saison“, im kirchlichen und liturgischen „Betrieb“, wird diese Frage so gut wie nie gestellt. Da wird gefragt, ob Menschen an Gott glauben und ob sie entsprechend „liturgiefähig“ sind. Tatsächlich aber hängt die Liturgiefähigkeit nicht vom eigenen Vermögen ab, sondern wird Christen mit der Taufe geschenkt.

In der Taufe erhält der Mensch Anteil an Tod und Auferstehung Jesu und wird Teil seines Leibes, der Kirche. Als Geretteter darf er mit den Worten Jesu Gott „Vater“ nennen und Tag für Tag in das Geheimnis seiner Rettung eintauchen. Denn wann immer Kirche sich versammelt (auch wenn es nur zwei oder drei sind), dann ist Jesus selbst „mitten unter ihnen“ (vgl. Mt 18,20).

Die Begegnung mit dem Auferstandenen ist nicht ein fernes Geschehen, an das man sich erinnert, sondern ereignet sich in der Gegenwart. Gegenwärtig ist Jesus Christus in der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde, im Dienst des Priesters sowie in den eucharistischen Gestalten von Brot und Wein. „Gegenwärtig ist er in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften der Kirche gelesen werden“, wie es in der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils (Sacrosanctum Concilium Nr. 7) heißt.

Deshalb erhebt sich die Gemeinde, wenn das Evangelium vorgetragen wird – es ist nicht bloß die Rede über ihn, sondern Anrede, sein eigenes Wort. Jesus Christus selbst ist es, der spricht und handelt, in den Worten und Zeichen seiner Gemeinde, in allen Sakramenten, „sodass, wenn immer einer tauft, Christus selber tauft“. Durch ihn bezeugt Gott, dass er an den Menschen glaubt. Weil er in dem einen „mit seiner ganzen Fülle“ wohnen wollte (vgl. Kol 1,19), dürfen sie alle die Gabe des Lebens feiern.

© Andrea Pichlmeier


Grün als liturgische Farbe [1]

Grün ist die Lieblingsfarbe Gottes, schreibt der Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti. In der ersten Schöpfungserzählung lässt Gott am dritten Tag junges Grün wachsen, alle Arten von Pflanzen und Bäumen (Gen 1,11-13). Mit dem jungen Grün beginnt sich das Leben auf der Erde zu regen, jüdische Paare heiraten deswegen gern am dritten Tag der Woche, dem Dienstag.

Grün ist auch eine liturgische Farbe in der katholischen Kirche: Stola und Paramente außerhalb der großen Festkreise sind grün. Ursprünglich kannte man keine besonderen Farben für die liturgische Kleidung, die ja aus der antiken Zivilkleidung entstanden ist. Lediglich die Unterkleidung (die „Albe“ von lateinisch albus = weiß) sollte weiß sein und damit an das Taufkleid der Christen erinnern. Die Oberkleidung wurde je nach Stand, Vermögen und Festlichkeit mit dem teuren Sekret der Purpurschnecke gefärbt, mit dem man verschiedene Farbtöne von Zartrosa bis zu rot satiniertem Schwarz erzeugen konnte.

Erst in der Karolingerzeit des achten und neunten Jahrhunderts begann man dann mancherorts, bestimmten Festen eine besondere Farbe der liturgischen Oberkleidung zuzuordnen. Ein erster Farbkanon ist zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts durch Papst Innozenz III. überliefert. Verpflichtend wird die Farbgebung erst mit dem Trienter Missale (Messbuch) für den römischen Ritus.

Das heutige Messbuch hat die traditionelle Regelung im Wesentlichen übernommen: Weiß für die Oster- und Weihnachtszeit und die Herrenfeste, Rot für Palmsonntag und Karfreitag, für Pfingsten und die Märtyrerfeste, Violett für die Advents- und Fastenzeit sowie bei der Liturgie für Verstorbene (bei der häufig aber auch Schwarz verwendet wird). Und grün bleibt es das Jahr über im Garten Gottes, in dem Maria Magdalena dem Auferstandenen begegnet, am dritten Tag …

© Andrea Pichlmeier

Katholische Kirche im Pastoralen Raum Stormarn-Lauenburg Nord