Kleines liturgisches Lexikon

Altar [7]

Sein Vorgänger hatte fünf Tonnen gewogen und die Apsis in der kleinen spätgotischen Kirche fast zur Gänze ausgefüllt. Die Gottesdienstgemeinde tat sich schwer mit ihm; er stand ihr ins Angesicht, aber er stiftete keine Beziehung. Er erzählte vom Opfer, aber sie konnten nicht wirklich Mahl feiern an ihm. Deswegen trennten sie sich von ihm. Der neue Altar fügte sich nicht nur in Größe und Gestalt ein in den gegebenen Raum – er wagte das Unerhörte und verließ den angestammten Platz. Er stieg die zwei kleinen Stufen ins Kirchenschiff hinunter und steht nun in der Mitte der feiernden Gemeinde.

Altäre gibt es in allen Religionen. Sie sind Stätten des Gebets und des Opfers, manchmal auch einfach Mahnmal zur Erinnerung an eine Begegnung mit der Gottheit. Der erste Brandopferaltar der Bibel wird von Noah errichtet (in Gen 8,20). Der letzte Brandopferaltar des Gottesvolkes wurde mit dem Tempel und der ganzen Stadt Jerusalem im Jahre 70 von den Römern zerstört.

Der christliche Gottesdienst kennt keinen Opferkult, denn Jesus ist gerade dafür in den Tod gegangen, dass sein und unser Gott nicht durch ein Opfer versöhnt werden muss. Man kann seine Hingabe Opfer nennen, Jesus selbst aber verbindet sie mit dem Zeichen des Mahles, indem er sich an die Feiernden verschenkt. Deswegen brauchte die christliche Gemeinde einen Tisch (lat. mensa), der jeweils vor dem Gottesdienst aufgestellt und auf dem die eucharistischen Gaben niedergelegt wurden. Erst vom vierten Jahrhundert an setzte sich allmählich der unverrückbare Tisch durch, der dann auch wieder „Altar“ genannt wurde und sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr von der Gemeinde „zurückzog“ in einen heiligen Raum hinein, der dem Bischof, den Priestern und Diakonen vorbehalten blieb. Christus jedoch, den „lebendigen Stein“ (1 Petr 2,4) zieht es zu den Menschen, denen er das Kommen des Gottesreiches im Bild des Mahles verkündet hat. Und jeder Altar darf heute bei seiner Weihe hören, er „sei die festliche Tafel, um die sich die Tischgenossen Christi freudig versammeln“, und „die Mitte unseres Lobens und Dankens“, der Ort an dem wir Eucharistie feiern – Danksagung.

© Andrea Pichlmeier – Christ in der Gegenwart 32/05


Die heiligen 40 Tage [6]

Wie lang ist vierzig? Vierzig Jahre wandert Israel nach biblischer Überlieferung durch die Wüste ins Gelobte Land. Vierzig Tage bleibt Mose auf dem Berg beim Herrn. Vierzig Tage wandert Elija zum Gottesberg Horeb. Vierzig Tage bleibt Jesus in der Wüste „und wurde vom Satan in Versuchung geführt“ (Mk 1,13).

Die Vierzig sind ein biblisches Maß. Vielleicht sind sie das menschliche Maß überhaupt, für das Unterwegssein ebenso wie für das Bleiben. Vierzig Jahre umfassen eine Generation, auf jeden Fall ein erwachsenes Leben. Es ist die Zeit, die dem Menschen gegeben ist und auf die es ankommt.

Es kommt nicht in erster Linie auf das Fasten an. Die gängige Bezeichnung „Fastenzeit“ berührt nur einen Aspekt der Quadragesima, der „Vierzig“, wie die Zeit der Vorbereitung auf Ostern liturgisch genannt wird. Das Tagesgebet des ersten Fastensonntags spricht nicht vom Fasten, sondern bittet um „die Gnade, dass wir in der Erkenntnis Jesu Christi voranschreiten und die Kraft seiner Erlösungstat durch ein Leben aus dem Glauben sichtbar machen“. Dazu sind die heiligen vierzig Tage gegeben. Geschenkte Zeit, nicht um das Leben zu schmälern, sondern um es zu öffnen für die „Kraft“ (griech. dynamis), die von Ostern her in diese Zeit strömt. Es ist von alters her die Zeit des Katechumenats und der Kirchenbuße: Getragen von der österlichen „Dynamik“, bereiten Taufbewerber und Büßer sich vor, in der Osternacht an den Tisch des Herrn zu treten. Dazu hilft gewiss auch das Fasten, dazu hilft die geöffnete Hand, dem Bedürftigen hingehalten. Dazu helfen das Gebet und die Begegnung mit dem Auferstandenen im Wort der Schrift. Denn in seinen vierzig Tagen, die auch die unseren sind, wird Jesus in Versuchung geführt. Aber zugleich verwandelt sich die Wüste in einen Garten, wo er mit den wilden Tieren lebt und die Engel ihm dienen (vgl. Mk 1,13). Das ist das Paradies. In der „Erkenntnis Jesu Christi“ verwandeln sich uns die „Vierzig“ des Lebens immer mehr in den Garten des Ostermorgens.

© Andrea Pichlmeier


Asche [5]

„Denn alles Fleisch, es ist wie Gras / und alle Herrlichkeit des Menschen / wie des Grases Blume. / Das Gras ist verdorret / und die Blume abgefallen.“

Wie ein schleppender Totentanz beklagt der zweite Satz des „Deutschen Requiems“ von Johannes Brahms mit Jesaja 40, 6-7 die Vergänglichkeit des Menschen. Aus dem Tod kann sich keine unsterbliche Seele davonstehlen. Im Tod „geschieht Zerstörung und Vernichtung, alles durchstreichende Verneinung“, schreibt der Salzburger Dogmatiker Gottfried Bachl. Am Ende ist jedes Grab leer, wenn „alles Fleisch“ aus seiner organischen Gestalt umgesetzt wird in anorganische Materie.

„Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Mit diesen Worten, in denen die Vertreibung aus dem Paradies anklingt (vgl. Gen 3,19), wird der Gläubige am Aschermittwoch daran erinnert, dass er den Tod erfährt gemäß den Gesetzen der Natur. Es gibt kein sprechenderes Zeichen für den unausweichlichen Zerfall als die Asche! Sie wird seit dem 11. Jahrhundert gewonnen durch das Verbrennen der Palmzweige des Vorjahres. Die Asche ist das Ergebnis der reinigenden und läuternden Kraft des Feuers. Sie unterstreicht seit alter Zeit die Bereitschaft des Büßers zum Bekenntnis seiner Schuld und zu seiner erneuten Hinwendung zum Gott des Lebens. Das zweite Begleitwort zur Aschenauflegung erinnert daher an den Aufruf Jesu (in Mk 1,15): „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“

Auch die Gebete zur Segnung der Asche lenken den Blick auf Ostern hin und bitten aufgrund des Evangeliums um das unvergängliche Leben. Denn vom Menschen aus bliebe es bei der bitteren Wahrheit der Asche, „wenn nicht das Wunder geschieht, dass eben im Horizont, wo das Leben verschwindet, der Geber des Lebens erscheint“ (Bachl). Mit dieser Hoffnung tritt der Christ ein in „die Zeit der Gnade“, denn er weiß, dass „der Tag der Rettung“ bereits angebrochen ist (vgl. 2 Kor 6,2) und das Licht der Osterkerze aufleuchtet – auch über dem Aschenkreuz auf seiner Stirn.

© Andrea Pichlmeier

Video: Woher kommt die Asche für Aschermittwoch?

Zusätzlich zum obenstehenden Text von Andrea Pichlmeier veröffentlichen wir zum Aschermittwoch auch ein Video, das im Rahmen der diesjährigen Firmvorbereitung in Mölln entstanden ist. Pastor Stefan Krinke erklärt darin den Jugendlichen, was es mit der Asche auf sich hat. Sehen Sie selbst!


Wort und Antwort [4]

„Der Mensch ist nicht von Natur aus liturgiefähig“, stellt der Münchner Liturgiewissenschaftler Winfried Haunerland fest. Menschen bringen Zeichen und Symbole hervor, und sie tun dies in allen Lebensbereichen, von der Familie bis zu gesellschaftlichen Großereignissen. Liturgie aber, christlicher Gottesdienst, beginnt nicht damit, dass wir unser Leben vor Gott in Bild und Sprache kleiden. Die Liturgie der Kirche setzt voraus, dass Gott uns berufen hat, vor ihm zu stehen und ihm zu dienen, wie das Zweite Hochgebet der heiligen Messe sagt. Diese Berufung wird in der Taufe besiegelt.

Die Liturgie der Kirche bringt in ihren Zeichen und Symbolen zum Ausdruck, dass Gott es ist, der zuerst handelt. Die Liturgie der Kirche ist nicht eine Annäherung der Menschen an einen namenlosen Gott, den es gnädig zu stimmen oder zu versöhnen gilt, sondern die von Gott Gerufenen versammeln sich, um den Namen dessen zu feiern, der sich im brennenden Dornbusch zu erkennen gegeben hat als der „Ich bin da“ (Ex 3,14). Dieser Name zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Unwiderruflich wird er eingelöst in Jesus Christus. Er ist das Ja Gottes zu den Menschen, und er ist das vorbehaltlose Ja eines Menschen zu Gott, göttliches Wort und menschliche Antwort zugleich.

Deswegen bettet sich die Kirche in sein Vertrauen und betet sie zu Gott dem Vater „durch in [Christus] und mit ihm und in ihm“. Durch ihn und mit ihm und in ihm vollzieht sich der Dialog Gottes mit den Menschen: katabatisch (von griechisch katabainein, heruntersteigen), weil Gott sich den Menschen in Jesus zuneigt, und anabatisch (von griechisch anabainein, hinaufsteigen), weil unser Beten aufsteigen will „wie Weihrauch, Herr, vor deinem Angesicht“ (vgl. Ps 141,2).

Dialog im Gottesdienst geschieht im Wort und im Tun, im Sprechen, Hören und Antworten. Dialog geschieht im Gebet. Und wahrscheinlich ist der Dialog im Gottesdienst der Kirche nicht zu trennen vom Dialog in der Kirche überhaupt, denn mit der Taufe wird auch zur Kommunikation berufen, wem der Geist Jesu geschenkt ist.

© Andrea Pichlmeier


Träger der Liturgie: Die versammelte Gemeinde [3]

„Bin ich nicht Volk?“, soll Kardinal Hermann Volk gefragt haben, als man auf der Würzburger Synode wissen wollte, warum er als Priester bei einem Gottesdienst nicht konzelebriert habe. Das schlagfertige Wortspiel mit dem eigenen Namen bringt zum Ausdruck, dass es das ganze Gottesvolk ist, das den Gottesdienst feiert. Auch wenn nicht alle das Gleiche tun, ist doch die ganze Gemeinde Trägerin der Liturgie. […] Es ist Jesus Christus selbst, der dieses neue Volk gesammelt hat, eine heilige Priesterschaft (vgl. 1 Petr 2,5), deren Opfer darin besteht, dass sie sich im täglichen Leben vertrauensvoll Gott dem Vater überantwortet. Damit begibt sie sich in die Nachfolge Jesu, dessen eigene Hingabe sie in der Feier der Eucharistie zeichenhaft gegenwärtig werden lässt.

Wenn im Neuen Testament oder bei den Apostolischen Vätern vom christlichen Gottesdienst die Rede ist, dann werden dafür nicht die überlieferten Kultbegriffe des antiken Heidentums verwendet, sondern es wird davon gesprochen, dass die Gemeinde zusammenkommt. Christliche Versammlung und christlicher Gottesdienst sind in der Alten Kirche identisch. Wo Christen sich versammeln, da ereignet sich Kirche, denn das griechische Wort ekklesia besagt ja nichts anderes als die vom Herrn zusammengerufene Gemeinde. […] Diese der Kirche ureigenen Überzeugung hat über Jahrhunderte hinweg im Schatten der Geschichte gestanden, bis die liturgische Erneuerung und ein neu erwachendes Kirchenbewusstsein der Gläubigen im 20. Jahrhundert die Frage laut werden ließ: Sind wir nicht Volk?

© Andrea Pichlmeier


Träger der Liturgie: Jesus Christus [2]

„Ob Gott an mich glaubt?“ Der Lyriker Rainer Malkowski (1939-2003) stellt in seinem Gedicht „Verlassene Wallfahrtskirche“ [siehe hier auf Seite 22] die Frage, die vielleicht wirklich nur „außerhalb der Saison“ gestellt werden kann. Innerhalb der „Saison“, im kirchlichen und liturgischen „Betrieb“, wird diese Frage so gut wie nie gestellt. Da wird gefragt, ob Menschen an Gott glauben und ob sie entsprechend „liturgiefähig“ sind. Tatsächlich aber hängt die Liturgiefähigkeit nicht vom eigenen Vermögen ab, sondern wird Christen mit der Taufe geschenkt.

In der Taufe erhält der Mensch Anteil an Tod und Auferstehung Jesu und wird Teil seines Leibes, der Kirche. Als Geretteter darf er mit den Worten Jesu Gott „Vater“ nennen und Tag für Tag in das Geheimnis seiner Rettung eintauchen. Denn wann immer Kirche sich versammelt (auch wenn es nur zwei oder drei sind), dann ist Jesus selbst „mitten unter ihnen“ (vgl. Mt 18,20).

Die Begegnung mit dem Auferstandenen ist nicht ein fernes Geschehen, an das man sich erinnert, sondern ereignet sich in der Gegenwart. Gegenwärtig ist Jesus Christus in der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde, im Dienst des Priesters sowie in den eucharistischen Gestalten von Brot und Wein. „Gegenwärtig ist er in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften der Kirche gelesen werden“, wie es in der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils (Sacrosanctum Concilium Nr. 7) heißt.

Deshalb erhebt sich die Gemeinde, wenn das Evangelium vorgetragen wird – es ist nicht bloß die Rede über ihn, sondern Anrede, sein eigenes Wort. Jesus Christus selbst ist es, der spricht und handelt, in den Worten und Zeichen seiner Gemeinde, in allen Sakramenten, „sodass, wenn immer einer tauft, Christus selber tauft“. Durch ihn bezeugt Gott, dass er an den Menschen glaubt. Weil er in dem einen „mit seiner ganzen Fülle“ wohnen wollte (vgl. Kol 1,19), dürfen sie alle die Gabe des Lebens feiern.

© Andrea Pichlmeier


Grün als liturgische Farbe [1]

Grün ist die Lieblingsfarbe Gottes, schreibt der Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti. In der ersten Schöpfungserzählung lässt Gott am dritten Tag junges Grün wachsen, alle Arten von Pflanzen und Bäumen (Gen 1,11-13). Mit dem jungen Grün beginnt sich das Leben auf der Erde zu regen, jüdische Paare heiraten deswegen gern am dritten Tag der Woche, dem Dienstag.

Grün ist auch eine liturgische Farbe in der katholischen Kirche: Stola und Paramente außerhalb der großen Festkreise sind grün. Ursprünglich kannte man keine besonderen Farben für die liturgische Kleidung, die ja aus der antiken Zivilkleidung entstanden ist. Lediglich die Unterkleidung (die „Albe“ von lateinisch albus = weiß) sollte weiß sein und damit an das Taufkleid der Christen erinnern. Die Oberkleidung wurde je nach Stand, Vermögen und Festlichkeit mit dem teuren Sekret der Purpurschnecke gefärbt, mit dem man verschiedene Farbtöne von Zartrosa bis zu rot satiniertem Schwarz erzeugen konnte.

Erst in der Karolingerzeit des achten und neunten Jahrhunderts begann man dann mancherorts, bestimmten Festen eine besondere Farbe der liturgischen Oberkleidung zuzuordnen. Ein erster Farbkanon ist zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts durch Papst Innozenz III. überliefert. Verpflichtend wird die Farbgebung erst mit dem Trienter Missale (Messbuch) für den römischen Ritus.

Das heutige Messbuch hat die traditionelle Regelung im Wesentlichen übernommen: Weiß für die Oster- und Weihnachtszeit und die Herrenfeste, Rot für Palmsonntag und Karfreitag, für Pfingsten und die Märtyrerfeste, Violett für die Advents- und Fastenzeit sowie bei der Liturgie für Verstorbene (bei der häufig aber auch Schwarz verwendet wird). Und grün bleibt es das Jahr über im Garten Gottes, in dem Maria Magdalena dem Auferstandenen begegnet, am dritten Tag …

© Andrea Pichlmeier

Katholische Kirche im Pastoralen Raum Stormarn-Lauenburg Nord